SCHNECKEN AN DIE MACHT!

Es weht durch die Eidgenossenschaft ein sanfter Hauch von Verwunderung, wenn nicht von leiser Beklommenheit. Was ist geschehen?

Nichts.

Aber es könnte etwas geschehen. Etwas droht zu geschehen, was dem internationalen Prestige der Schweiz schlimmeren Schaden zufügen könnte als ein Zusammenbruch der Union Bank of Switzerland.

So wisset denn, dass die Schweiz von einem kollegialen „Bundesrat“ regiert wird, zusammengesetzt aus sieben Ministern, die auch „Bundesräte“ heissen. Von Jahr zu Jahr wechselnd wird dann einer der sieben Bundesräte Bundespräsident. Nicht zuletzt deshalb gibt es keine erstrebenswertere Ehre, als Bundesrat zu werden.

Jetzt ist nach zwölf Jahren der beliebteste aller Bundesräte und Bundespräsidenten zurückgetreten: Guy Parmelin, ein Weinbauer vom Genfersee. Da Parmelin der SVP angehört (entsprechend etwa der AFD) ist es an dieser Partei, dem Parlament für das eine freiwerdende Ministeramt  zwei Namen zur Auswahl vorzuschlagen. Sieben Männer und eine Frau kämpfen um diese Nominierung. Soweit alles normal.

Was nicht normal ist, wagt keine Zeitung, kein Fernsehen auszusprechen. Das ist der Name – nur der Name des Favoriten unter den acht. Der fähigste Kandidat heisst Schnegg.

„Der Schnegg“ entspricht im Schweizerdeutschen dem reichsdeutschen Wort „die Schnecke“. Wer immer nächstens in Berlin Bundespräsidentin wird, hiesse sie „Schnecke“, die Deutschen brächten ihr nicht viel Respekt entgegen. So hämisch sind die Schweizer nicht. Auch hat Kandidat Schnegg den Vorzug, aus der französischen Schweiz zu stammen. Die wenigsten dort können deutsch und wissen deshalb, was Schnegg bedeutet. Überdies hat Monsieur Schnegg zwei schöne französische Vornamen: Pierre Alain. Nun aber tritt er vor der deutschsprachigen Mehrheit des Landes an. Jene, die seinen Aufstieg an die Spitze des Landes verhindern möchten, sagen wie aus einem Mund: „Dr Schnegg isch z´alt.“ Dabei ist Monsieur Schnegg erst 62. Dass mit ihm dem Land ein Bundespräsident Schnecke droht, das öffentlich auch nur anzudeuten, wagt keiner.

Ich auch nicht. Wie alle guten Schweizer, alle guten Deutschen auch, kämpfe ich mein Leben lang gegen Vorurteile. Dass es auch Vorurteile gegen Tiere gibt, ist den wenigsten aufgefallen. Dem schleichenden Missbehagen gegen einen allfälligen Bundesrat Schnegg liegen üble Vorurteile gegen Schnecken zugrunde: Schnecken seien grauenhaft langsam, widerlich schleimig und sie frässen den schönsten Garten kahl.

Vorurteile! Nichts als Vorurteile! Die wissenschaftliche Schneckenforschung hat längst herausgefunden, dass es die Schnecke so wenig gibt wie den Menschen. Schon jetzt sind über 240.000 ganz unterschiedliche Schneckenarten wissenschaftlich registriert. Täglich werden, vor allem auf fernöstlichen Inseln, weitere Schneckenarten entdeckt. Noch viel grösser sind innerhalb jeder der 240.000 Schneckenarten die individuellen Unterschiede. Wie jeder Mensch so ist auch jede Schnecke ein unverwechselbares Unikat. Jede Schnecke ist anders. Die Schnecke als solche gibt es nur im Vorurteil.

Leider ist die Schweiz nicht allein auf der Welt. Wir haben Nachbarn. Ungleich stärker als bei uns ist der Sinn für Lächerlichkeit bei den Franzosen entwickelt. „Lächerlichkeit tötet“ gehört zu den gängigsten französischen Redensarten. Und erst Napoleon! „Vom Erhabenen zum Lächerlichen ist nur ein Schritt.“ Wie nun, wenn das hohe Amt des schweizerischen Bundespräsidenten aus der Erhabenheit in die Lächerlichkeit kippt? Das klassische französische Witzblatt, der Canard Enchaîné, saugt sich seit Jahren schon die Witze nur noch mühselig aus den Fingern. Wahrscheinlich wird jetzt eine mehrjährige Serie draus: „Astérix bei den Schnecken.“ Not lehrt witzeln.

In diesem schweizerischen Zusammenhang scheint es für die Deutschen zu sprechen, dass sie wenig Sinn für Namenskomik haben. Jedesmal, wenn ich zwischen Köln und Basel hin und her fahre, quäle ich mich an Darmstadt vorbei. Und schlimmer noch: an Darmstadt-Wixhausen. Warum hat diese unglückselige Stadt sich nicht längst selber umgetauft? Wahrscheinlich wartet sie darauf,  dass Schweinfurt den Mut hat, Darmstadt den Weg aus tiefer Lächerlichkeit hinauf in höchste Erhabenheit vorauszugehen.

Aber haben die Deutschen auch weniger Sinn für Komik als die Franzosen, so muss ein Berner  Bundespräsident Schnegg das Gelächter der Deutschen doch mehr fürchten. Zwar sind die Deutschen nicht Meister des Witzes, dafür sind sie aber, im Gegenteil, Meister der Häme. Und Grund, die Schweiz mit Häme zu überschütten, haben die Deutschen genug. Soviel besser geht es ja der schweizerischen Wirtschaft, soviel mehr Geld ist in Zürich als in Frankfurt. Alle die Deutschen, die sich geistreich dünken, wenn sie nicht „Franken“ sagen, sondern „Fränkliiiiii“, werden süffisant gratulieren zu einem Bundespräsidenten „Schneggliiiii“.

Was lehrt uns das?

Es lehrt uns, dass der Kampf gegen Vorurteile international geführt werden muss. Ist es nämlich möglich -  und es scheint möglich, dass in Bern ein Monsieur Schnegg Bundespräsident wird, ohne dass irgendeiner im Land offen zu grinsen wagt, dann wird auch in Berlin niemand mehr die dämliche Behauptung wagen, dass nur ein Mann deutscher Präsident werden kann. Denn dies ist das Schönste: Jeder Schnegg ist zugleich eine Schnecke. Wissenschaftlich gesprochen: Jede Schnecke hat beide Geschlechter, jede ist ein Hermaphrodit.

Der Tag wird kommen, an dem wir alle, die wir seit Jahrzehnten leidenschaftlich gegen Vorurteile kämpfen, vor dem Schloss Bellevue Spalier stehen werden, wenn aus Bern Bundespräsident Schnegg eintrifft zum epochalen Staatsbesuch bei Bundespräsidentin Schnecke.

Snails of all lands unite!