Noch war ich ein Kind. Amtlich gesagt ein „unbegleiteter Heranwachsender in der französischen Besatzungszone Deutschlands“. Aber jedesmal, wenn ich in den ersten Jahren nach dem Krieg allein von Zürich hinüber „ins Deutsche“ fuhr, zog es mich als erstes nicht zu meinen Verwandten, sondern auf den örtlichen Friedhof. Da war der Grabstein, der mich magisch anzog:
“Hier ruht in Gott Reichsbahn-Oberschaffner a.D. Anton Junker”
Mein deutscher Grossvater! In einem tiefschwarz katholischen Winkel des Königreichs Württemberg ist er noch in einer jener Katen herangewachsen, in denen die Tagelöhner das ganze Jahr über darauf warteten, dass einer der Grossbauern Aushilfe brauchen konnte. Erlösung aus dem Elend brachten ihm die legendären „Schwäbischen Eisenbahnen“. Kaum kann ich nachempfinden, was es an Selbstdisziplin gebraucht hat, um aus so unordentlichen Anfängen aufzusteigen in die amtliche Existenz eines württembergischen Eisenbahnschaffners. Einmal nur hat er den Dienst frühmorgens betrunken angetreten. Gerettet hat ihn ein Vorgesetzter, der Mensch genug war, um zu wissen, dass jetzt ein ganzes wilhelminisches Leben auf dem Spiel stand: „Junker, gehen Sie nach Hause. Sie sind krank.“
Bei der Wehrmacht gedient hatte er in Berlin. Heimgebracht nach Württemberg hat er den neuen, den wilhelminischen Patriotismus. Wenn es ihm der Dienst erlaubte, sang er abends mit seinen Kindern zwei Stunden lang den ganzen Kanon der Volkslieder: „Kennt ihr das Land im deutschen Süden…“ Laut rief er zum Abschluss in die kleine schwäbische Stube: „Seine Majestät Kaiser Wilhelm lebe hoch!“ Dann die Kinder allesamt: „Er lebe hoch, hoch, hoch!“
Dabei hatte er seine beiden Mädchen nach der neuesten katholischen, das heisst: französischen Mode Theresia und Genoveva getauft. Thérèse et Geneviève, die beiden heiligen Schwestern von Lisieux, welche um die Jahrhundertwende die weite katholische Welt, vom Libanon bis nach Argentinien, in ihren Bann schlugen.
Das war der „wilhelminische Katholizismus“, wenige Jahre schon nach Bismarcks „Kulturkampf“, dem Versuch, die katholische Kirche im neuen Reich auszulöschen. Jetzt, in der Brust meines Grossvaters, war das Unvereinbare innig vereint: der Glaube an den Kaiser „im Siegerkranz“ und an die neuesten Heiligen auf Frankreichs Altären.
Schwer bedrückt hat es ihn, als 1918 der Kaiser seinen Siegerkranz verlor. Doch schon zwei Jahre später geschah etwas, was ihm wichtiger war: Die „Deutsche Reichsbahn“ wurde gegründet. Aufstieg er selber zum Reichsbahn-Schaffner. Als Reichsbahn-Oberschaffner ging er in den ehrenvollen Ruhestand. Doch zur Ruhe kam er nicht. Zu schwer legten sich zum Schluss wieder die Sünden seiner unordentlichen proletarischen Jugend aufs Gewissen. Jeden Morgen kniete er um sechs in der Frühmesse und bat den alten katholischen Gott um Barmherzigkeit. So gross war seine Scham. Doch grösser war sein Stolz:
“Hier ruht in Gott Reichsbahn-Oberschaffner a.D. Anton Junker”
Ein letztes Mal bin ich hinübergefahren „ins Deutsche“. Auf dem Friedhof dann die böse Überraschung: Der Grabstein, der mir so teuer war, ich fand ihn nicht mehr. Was war passiert? Kein pietätloser Friedhofsbeamter, nein, die Familie selber, die Nachkommen zweiter Generation hatten ihn “entsorgt”: „Solche Grabsteine hat man nicht mehr! Wir lassen einen neuen Grabstein machen.“
Nie mehr fahre ich hin. Nie will ich es sehen, das misshandelte Grab des Reichsbahn-Oberschaffners a.D. Ein upgedateter Grabstein, das mutet mich an wie ein fortschrittlicher Tod.