Verdammt hat Gott mich dazu, meine letzten Jahre im Erzbistum Köln zu verleben. Mitten im deutschen Katholizismus. In einer Stimmung, wie sie so hundsmiserabel wohl nirgendwo sonst auf der Welt zu finden ist. Nicht dass sie alle gleich schlecht gestimmt wären, die deutschen Katholiken. Dies zu behaupten, wäre ein böses Vorurteil. Da gibt es subtile Variationen. Links sind sie sauer. Rechts sind sie bitter. Guter Dinge sind sie alle nicht. Fast ist es, als gehörten über die Triumphbögen der deutschen Katholikentage Dantes Worte über dem Höllentor: „Lasciate ogni speranza“ – „Lasst alle Hoffnung fahren!“
Woher kommt diese höllisch schlechte Stimmung? Vielleicht liegt sie daran, dass von allen menschlichen Dingen, keines so das Prädikat „bio“ verdient wie die Religion. Geradezu botanisch ist ihr Entwicklungsgesetz. Jesus selber sagt es im 4. Kapitel bei Markus im Gleichnis vom Senfkorn. Aus winzigem Samen wächst sie unaufhaltsam heran zu einem gewaltigen Baum. Fast wächst der Baum in den Himmel.
Fast. Doch dann kommen, uns von den Alten Juden längst vorausgesagt, „die bösen Tage“, „die Jahre, da du wirst sagen, sie gefallen mir nicht“ (Prediger Salomo 12, 1). Jahrhunderte kommen voller Feindschaften, Krisen, Zerwürfnissen. Ein Skandal kommt nach dem andern. Ein Ast nach dem andern bricht aus der Krone weg, der Stamm selber fault. Ganz bio-botanisch naht früher oder später das Ende. Vielleicht ist die Untergangs-Stimmung im deutschen Katholizismus nichts Psychotherapierbares, vielleicht ist sie die reale Vorahnung des biorealen Untergangs. Jüngere mag das tief betrüben.
Mich nicht. Auf meine letzten Tage stelle ich mir eine viel bescheidenere Frage: Wie bewahre ich die Heiterkeit meiner Seele vor dieser höllisch schlechten Laune um mich herum?
Kardinal Léger kommt mir in den Sinn, der grosse Erzbischof von Montréal. Von einem englischsprachigen Kirchenblatt bekam er die erwartbare fromme Frage gestellt, was einen Christen wie ihn im hohen Alter glücklich stimme.
Mit Schaudern stelle ich mir vor, dass das Kölner Domradio diese Frage heute Kardinal Woelki stellen würde. Was da alles herauskäme an tiefsinnigem Unsinn. Aber Kardinal Léger war Frankokanadier. Die mögen anders sein als andere Amerikaner. Aber Amerikaner sind sie trotzdem. Als käme sie aus dem Mund eines Industriearbeiters in Chicago, so simpel, so lapidar, in zwei Wörtern nur, kam aus dem Mund des Erzbischofs von Montréal die Antwort, was ihn glücklich mache im hohen Alter: „Have memories!“
Gnade der sehr frühen Geburt: Ich stamme aus einer Zeit, als es noch etwas Schöneres gab als die katholische Moral. Das war die katholische Bildung. Voll ist mein Gedächtnis von den schönsten katholischen memories.
So schweife denn, memory, wie es sich gehört, zuerst nach Rom. Zurück ins Rom der Renaissance, zum Patron der Stadt. zum heiligen Filippo Neri. Wie der Heilige als Teenager schon zu Hause in Florenz den Stammbaum seiner Familie zerriss und südwärts trempte, um im Rom der Renaissance als Stadtstreicher unter Stadtstreichern zu leben. Wie er, als Kardinal kostümiert, an der Spitze eines religiösen Strassenkabaretts rund um den Vatikan herum zog, während ein Gefolge von johlenden Strassenjungen ihm die Schleppe trug. So begeistert waren die Römerinnen und Römer von seiner unerschöpflich guten Laune, dass sie den Florentiner schon zu seinen Lebzeiten als ihren Stadtpatron verehrten. Gott selber hat Filippo Neri so gemocht, dass er ihm das ganz seltene Charisma der Trilokation geschenkt hat. Das ist die wahrhaft übernatürliche Fähigkeit, an drei verschiedenen Orten gleichzeitig anwesend zu sein.
Wisset aber, dass ein kurzes inniges Gebet zum heiligen Filippo genügt, um an seinem Charisma der Trilokation teilzuhaben. Bleiben wir also gutgelaunt bei Filippo in Rom, bilozieren wir uns aber gleichzeitig in das ganz andere London König Heinrichs VIII. Zu Heinrichs Kanzler Thomas Morus. „Von Jugend auf“, schreibt Erasmus über seinen englischen Freund, „hatte er solche Freude am Spassmachen, dass man sagen könnte, er sei dazu geboren.“ In ganz Europa, fährt er fort, gebe es „nicht einen Menschen, der liebenswürdiger, angenehmer und glücklicher wäre als Thomas Morus“.
Jetzt aber ist der dies irae gekommen, der 6. Juli 1535. Von seinem blutrünstigen, grössenwahnsinnigen König vor die Wahl gestellt, hat Thomas Morus sich für den Papst entschieden. Er, der doch viel lieber, in schönen Sommernächten, am Ufer der Themse gesessen hatte und mit Erasmus, seinem Gast aus Basel, Witze gerissen hatte. Witze über den Papst in Rom und über den Inquisitor zu Köln am Rhein. Hoch auf dem Blutgerüst wird es Thomas Morus noch gelingen, mit seinen Spässen den Henker bei guter Laune zu halten.
Papst Pius XI hat Thomas Morus heiliggesprochen. Dann hätte er wohl auch Sokrates heiligsprechen müssen. Denn mit sokratischer Ironie, mit dem Schirlingsbecher von Sokrates hat der Galgenhumor von Thomas Morus mehr zu tun als, sagen wir mal, mit der Leidenslust des heiligen Sebastian.
Für uns aber ist es jetzt Zeit, aus dem Wunder römisch-englischer Bilokation voranzuschreiten ins noch viel grössere Wunder der Trilokation. Auf nach Avignon!
Das Wichtigste, was wir für das Wunder der Trilokation brauchen, ist nun allerdings ein Esel. Auf einem Esel nämlich ist sie aus der Toskana nach Avignon geritten, um Papst Gregor XI aus der Babylonischen Gefangenschaft der Kirche heimzuholen nach Rom: Katharina von Siena. Das Wollfärberkind aus der Toskana konnte nicht lesen und nicht schreiben. Dafür war sie die frechste Heilige aller Zeiten.
Papst Gregor XI war Franzose. Italienisch verstand er nicht. Aso musste einer übesetzen. Das war der selige Raymund von Capua. Der Privatsekretär des Papstes berichtet, er sei beim Übersetzen „fast gestorben“ vor Angst und Schreck. Neffenwirtschaft, Weiberwirtschaft, Ämterkauf, Bestechung und Betrug, nichts, was das Mädchen aus Siena nicht dem Papst an den Kopf geworfen hätte. Während sein Sekretär fast starb, blieb Gregor erstaunlich ruhig: „Katharinchen, du bist doch gerade erst angekommen in Avignon. Wie willst du da schon wissen, was für Zustände an meiner Kurie herrschen?“ Jetzt steigerte sich das Mädchen aus Siena in den Zorn der Propheten: „Um zu wissen, was für Zustände an Eurer Kurie herrschen, braucht keiner nach Avignon zu kommen. An Eurer Kurie stinkt es. Es stinkt so entsetzlich, dass es von Avignon bis nach Siena stinkt.“
Papst Gregor XI tat das Beste, was ein Mann tun kann, wenn er von einer Frau mit Vorwürfen überschüttet wird: Er fügte sich. Und kam nach Rom zurück. Dort freilich war die Stimmung alsbald fast so schlecht, als stünde Martin Luther bereits ante portas. Die Heilige aus Siena hat es nicht angefochten. Wie in Siena, wie in Avignon wusste sie auch in Rom ihre Seele zu wahren. Katharina von Siena über Katharina von Siena: „Io sono pazza di amore.“
„Ich bin toll vor Liebe.“ Sagt, habt ihr jemals ein vergleichbar hochgestimmtes, ein vergleichbar tolles Wort aus den Mündern des „Zentralkomitees der deutschen Katholiken“ vernommen?