Beklommen starren alle auf Volkswagen, Mercedes, Porsche und alle die schrumpfenden Giganten von Deutschlands einstiger industrieller Grösse. Dass ich da nicht mitstarre hat einen peinlichen Grund: Ich habe nur einen ganz beschränkten volkswirtschaftlichen Horizont. Keine einzige Aktie von Volkswagen oder Mercedes brauche ich jetzt zu verkaufen. Weil ich nie eine gekauft habe. Nichts anderes interessiert mich an der ganzen deutschen Volkswirtschaft als eine winzige Werkstatt tief in den Wäldern des Taunus. „Im Wiesenfleck“ lautet die Adresse. Was geschieht im Wiesenfleck?
Im Wiesenfleck werden Rasierapparate von Braun wiederhergestellt, die so hoch überaltert sind, dass sonst nicht einmal Ersatzteile mehr zu bekommen sind. Da bin ich Kunde. Seit dem ersten Flaum um mein Kinn, das heisst seit über siebzig Jahren rasiere ich mich nämlich nur mit Rasierern der deutschen Firma Braun. So habe ich hautnah miterlebt, wie Braun immer grösser, immer wichtiger, immer berühmter wurde, ja weltberühmt. Bis ich ihn dann unterm Christbaum zum ersten Mal ehrfürchtig in Händen hielt, meinen wunderbaren:
Braun 5410. Made in Germany.
Und jetzt ein Wort aus dem Evangelium. Vom Senf heisst es bei Matthäus, dass er aus einem winzigen Samenkorn aufschiesst zum mächtigsten Strauch auf dem Acker. Und dass „das Himmelreich“, das heisst wohl unsere Religion, dem gleichen Gesetz folge. Um Matthäus zu Ende zu denken: So wie er aufschiesst, so geht es mit dem Senf wieder zu Ende. Und wohl auch mit der Religion. Warum aber in aller Welt soll es Volkswagen oder Mercedes besser ergehen als unseren beiden Gross-Kirchen?
Und wie ist es mit meinem Rasierapparat? So viele Weihnachtsfeste sind seither vergangen. So viele Rasierer von Braun habe ich seither geschenkt bekommen. Was soll man auch sonst einem Mann zu Weihnachten schenken? Ungebraucht liegen sie alle, auch die hochgerühmten, die sündhaft teuren neuesten Akku-Geräte, in meiner Kommode begraben. Akku hin oder her, keines schert mich so gut, so schön, so klassisch wie der uralte
Braun 5410. Made in Germany.
Das grösste Vergnügen, das er mir verschafft, ist, alle paar Jahre eine Wanderung durch die schönsten Wälder des Taunus hin zu der einsamen Werkstatt „Im Wiesenfleck“. Der Chef dieser winzigen Firma hat etwas verstanden, was keinem der Grossen und Grössten bei Volkswagen und bei Mercedes in den Kopf will: dass die Entwicklungsgesetze der Vegetation nicht nur für Ackerpflanzen, Bäume und Religionen gelten, sondern auch für jene gigantischen industriellen Konglomerate, die einstmals Deutschlands Macht und Stolz waren. Vor allem hat er verstanden, dass der beste Beitrag, den einer zur Blüte deutscher Technik heute leisten kann, eben darin besteht, Geräte aus der vergangenen Blütezeit unserer industriellen Vegetationsgeschichte so schön zu erhalten und zu reparieren wie sie damals waren.
Er ist übrigens nicht der einzige. Inzwischen habe ich einen gefunden, der meinem uralten kleinen Mercedes jenes blühende Leben zurückgegeben hat, das er einst hatte, lange bevor Deutschlands industrieller Niedergang begann.