Der Wolf und die sieben Geisslein.

Ein uraltes deutsches Märchen, für die neue deutsche Jugend den  Brüdern Grimm neu nacherzählt von Hans Conrad Zander.

 

Es war einmal eine alte Geiss, die hatte sieben herzige Geisslein und hatte sie lieb, wie eine Mutter ihre Kinder liebhat. Das älteste Geisslein hiess das saure Fritzchen, das zweite nannte sich das süsse Marküsslein, so rot war das dritte, dass es Radieslein gerufen wurde, das vierte hiess leider Sinistrosa, war aber so niedlich, dass alle es gern Siniströslein nannten. Zimmermädel hiess das fünfte Geisslein, war aber nicht so beliebt, weil es manchmal zu forsch mit seinem Besenstiel in der Welt herumfuchtelte. Das sechste Geisslein gar war so schwierig, dass die andern noch nicht einmal einen schönen Kosenamen ausgeheckt hatten. In der Verlegenheit nannten sie es immer noch mit dem garstigen Akronym BSW. Das siebte Geisslein aber war Muttis Liebling. Allerdings war schon nach der Geburt um dieses Geisslein ein unergründliches Geheimnis. Selbst die Pfarrerin schrieb auf den Taufschein nur „Konfession: grün“, sonst liess sie alles offen. Warum? Ahnte sie das Geheimnis dieses Geissleins? So früh, so tapfer hat es sich als nonbinäres Geisslein geoutet, dass alle sechs andern Geisslein  es seither unablässig herzten und küssten als den/die/das/unser Transi***li. So  tapfer auch kämpft Transi***li seither gegen alle die kleinen Vorurteilchen, die es leider auch unter kleinen Geisslein immer noch gibt. Doch so verschieden die Geisslein alle waren, eins war ihnen gemein: Vergnügt spielten sie zusammen immerzu die gleichen Spielchen. Das waren die Spielchen der Demokratie.

Eines Tages nun wollte die Alte in den Wald gehen und Futter holen; da rief sie alle sieben Geisslein herbei und sprach: „Liebe Kinder, ich will hinaus in den Wald, seid auf eurer Hut vor dem Wolf, wenn er hereinkommt, so frisst er euch alle mit Haut und Haar. Der Bösewicht heisst Björn und haust im finsteren Urwald von Thüringen weit im Osten. Er verstellt sich oft, tut als wolle er nur mitspielen bei euren demokratischen Spielchen, aber an seiner rauhen Stimme und an seinen blauen Füssen werdet ihr ihn gleich erkennen.“ „Warum ist er so böse, der böse Wolf Björn?“ wollten die lieben kleinen Geisslein wissen, „Weil er,“ gab die Alte Geiss zur Antwort, „zuinnerst böse ist. Tief in seinem bösen Herzen

      „Da rumpelt´s vor Hetze,                                                                                                            Da pumpelt´s vor Hass.

Die Geisslein sagten: „Liebe Mutter, wir wollen uns schon in acht nehmen vor dem bösen Björn, ihr könnt ohne Sorge fortgehen.“ Da meckerte die Alte: „Na, dann spielt mal schön Demokratie!“ Und sie machte sich getrost auf den Weg.

Es dauerte nicht lange, so klopfte jemand an das Brandtürchen des Geissenhäusleins und rief: „Hey Kids, macht auf, eure liebe Mutter ist da und hat jedem von euch etwas mitgebracht.“ Aber die sieben Geisserchen hörten an der rauhen Stimme, dass es der böse Wolf war, der Björn aus dem finsteren Urwald Thüringen. „Wir machen das Brandtürlein nicht auf“, riefen sie, „du bist unsere Mutter nicht, die hat eine feine und liebliche Stimme, aber deine Stimme ist rauh; du bist Björn der böse Wolf.“

„Du rumpelst vor Hetze,                                                                                             Du pumpelst vor Hass.“

Da ging der Wolf fort zu einem Krämer und kaufte sich ein grosses Stück Kreide; die ass er und machte damit seine Stimme fein. Dann kam er zurück, klopfte an das Brandtürlein und rief: „Macht auf, ihr lieben Kinder, eure Mutter ist da und hat jedem von euch etwas mitgebracht,“ Das saure Fritzchen und das süsse Marküsslein wollten schon aufmachen, aber der/die/das Transi***li hielt den Riegel im letzten Augenblick fest. Björn hatte nämlich seine blaue Pfote in das Fenster gelegt, das sah der/die/das Transi***li und rief: „Wir machen nicht auf, unsere Mutter hat keinen blauen Fuss wie du; du bist Björn der böse Wolf.“ Da lief der Wolf zu einem Bäcker und sprach: “Ich habe mich an den Fuss gestossen, streich mir Teig darüber.“ Und als ihm der Bäcker die  Pfote bestrichen hatte, so lief er zum Müller und sprach: „Streu mir weisses Mehl auf meine Pfote.“ Der Müller dachte: der Wolf will einen betrügen, und weigerte sich, aber der Wolf sprach: „Wenn du es nicht tust, so fresse ich dich.“ Da fürchtete sich der Müller und machte ihm die Pfote weiss. Ja, das sind die Menschen.

Nun ging Björn der böse Wolf zum dritten Mal an das Brandtürchen, klopfte an und sprach: „Macht mir auf, Kinder, euer liebes Mütterchen ist heimgekommen und hat jedem von euch etwas aus dem Wald mitgebracht.“ Die Geisserchen riefen: „Zeig uns erst deine Pfote, damit wir wissen, dass du unsere liebe Mutter bist.“ Da legte er die Pfote ins Fenster, und als sie sahen, dass sie weiss war, so glaubten sie, es wäre alles wahr, was er sagte, und machten das Brandtürlein auf. Wer aber hereinkam, das war Björn der böse Wolf. Sie erschraken und wollten sich verstecken. Das saure Fritzchen kroch unters Bett, das süsse Marküsslein in den Ofen, Zimmermägdelein in den Besenschrank, Siniströslein unter den Tisch, BSW in die Küche, Radieschen unter die Waschschüssel, Transi***li in den Kasten der Wanduhr. Aber der Wolf fand sie und machte nicht langes Federlesen. Eins nach dem andern schluckte er in seinen blauen Rachen; nur den/die/das kleine Transi***li in dem Uhrkasten, den/die/das fand er nicht. Als der Wolf seine Lust gebüsst hatte, trollte er sich fort, legte sich draussen auf der grünen Wiese unter einen Baum und fing an zu schlafen.

Nicht lange danach kam die alte Geiss aus dem Walde wieder heim. Ach, was musste sie da erblicken! Das Brandtürchen stand sperrweit offen; Tisch, Stühle und Bänke waren umgeworfen, die Waschschüssel lag in Scherben, Decke und Kissen waren aus dem Bett gezogen. Sie suchte ihre Kinder, aber nirgends waren sie zu finden. Sie rief sie nacheinander bei Namen: Fritzchen! Marküsslein! Siniströslein! Radieschen! Zimmermägdelein! BSWehlein! Aber niemand antwortete. Endlich, als sie an Transi***li kam, antwortete eine feine Stimme: „Liebe Mutter, ich stecke im Uhrkasten.“ Sie holte ihn/sie/es heraus, und er/sie/es erzählte ihr, dass der Wolf gekommen wäre und die andern alle gefressen hätte. Da könnt ihr denken, wie sie über ihre armen Kinder geweint hat.

Endlich ging sie in ihrem Jammer hinaus und der/die/das Transi***li lief mit. Als sie auf die Wiese kam, so lag der Wolf an dem Baum und schnarchte, dass die Äste zitterten. Sie betrachtete ihn von allen Seiten und sah, dass in seinem angefüllten Bauch sich etwas regte und zappelte. Ach Gott, dachte sie, sollten meine armen Kinder, die er zum Abendbrot hinuntergewürgt hat, noch am Leben sein? Da musste Transi***li nach Haus laufen und Schere, Nadel und Zwirn holen. Dann schnitt sie dem Ungetüm den Wanst auf, und kaum hatte sie einen Schnitt getan, so streckte schon Fritzchen als erstes den sauren Kopf heraus, und als sie weiterschnitt, da sprangen nacheinander auch Marküsslein, Radieschen, BSW und  Siniströslein heraus und waren alle noch am Leben und hatten nicht einmal Schaden genommen, denn das Ungetüm hatte sie in der Gier ganz hinuntergeschlungen. Das war eine Freude! Da herzten sie ihre liebe Mutter und hüpften wie ein Schneider, der Hochzeit hält. Die Alte aber sagte: „Jetzt geht und sucht Wackersteine, damit wollen wir dem gottlosen Tier den Bauch füllen, solange es noch im Schlafe liegt.“ Da schleppten die sieben Geisserchen in aller Eile die Steine herbei und steckten sie ihm in den Bauch, soviel sie hineinbringen konnten. Dann nähte ihn die Alte in aller Geschwindigkeit wieder zu, dass er nichts merkte und sich nicht einmal regte.

Als der Wolf endlich ausgeschlafen hatte, machte er sich auf die Beine, und weil ihm die Steine im Magen so grossen Durst erregten, so wollte er zu einem Brunnen gehen und trinken. Als er aber anfing zu gehen und sich hin und her bewegte, so stiessen die Steine in seinem Bauch aneinander und rappelten. Da rief er: 

„Was rumpelt und pumpelt                                                                                           In meinem Bauch herum?                                                                                            Ich meinte,  es wären Geisslein,                                                                         So sind´s lauter Wackerstein.“

Und als er an den Brunnen kam und sich über das Wasser bückte und trinken wollte, da zogen ihn die schweren Steine hinein, und er musste jämmerlich ersaufen. Als die Geisslein das sahen, da kamen sie herbeigelaufen, riefen laut: „Der Wolf ist tot! Der böse Björn ist tot!“ und tanzten mit ihrer Mutter vor Freude um den Brunnen herum den Freudentanz der geretteten Demokratie. Nur der/die/das kleine Transi***li war wieder einmal ein bisschen gescheiter, hat einen Augenblick bedachtsam innegehalten. Hat hinabgehorcht in das tiefe, schwarze Brunnenloch. „Was ist, Transi***li?“ fragte besorgt die Alte Ziege.

                            „Da unten rumpelt´s noch immer von Hetze,                                                                                       Da unten pumpelt´s  noch immer von Hass.“ 

Und wenn sie noch nicht gestorben sind, dann wird es immer weiter rumpeln und pumpeln, unser uraltes, schönen deutschen Märchen.