Die schlimmste aller Klimasünden

Gestern 36° gemessen, 41° gefühlt. Heute 40° gemessen, 44° gefühlt.  Und morgen? Morgen wohl 44° gemessen, 49° gefühlt. Hoch über uns ein höllischer heat dome, ein Hitze-Dom, der alle und alles unter sich zu ersticken, wenn nicht zu verkohlen droht. Sagt, hat es jemals in der Leidensgeschichte der Menschheit etwas Vergleichbares gegeben?

 

Ja!

 

Über ein Jahrhundert ist es her, dass Emil Amélineau von Kairo den Nil hinauf südwärts zog. Amélineau ist jener grosse Ägyptologe, dessen märchenhafte Funde aus pharaonischen Gräbern heute zu den meistbewunderten Schätzen des Louvre zählen. In seinen Tagebuch-Notizen freilich beschäftigte ihn diesmal etwas ganz anderes: der heat dome über Ägypten. Mit jeder neuen Tagesetappe weiter südlich nahm die Hitze zu. Waren seine Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen, war er selber der entsetzlichen meteorologischen Strapaze gewachsen?

 

Nein!

 

An sich selber, gesteht, Amélineau, habe er es am besten beobachten können: Es gibt eine menschliche Schwäche, die bei glühender Hitze ganz einfach nicht mehr beherrschbar ist: das ist die die Versuchung des Fleisches.

 

Es fügt sich, dass Amélineau nicht nur Archäologe war, sondern auch katholischer Theologe. Seit langem, schreibt er, habe er sich gefragt, wie es geschehen konnte, dass die Keuschheit, die doch in der urchristlichen Gemeinde zu Jerusalem keine besondere Rolle gespielt hat, seit dem zweiten, dritten Jahrhundert emporwuchs zu so etwas wie der christlichen Tugend schlechthin.

 

Die Antwort lautet: Ägypten! Im 2., 3. Jahrhundert verlagerte sich der Schwerpunkt des Christentums aus dem gesunden Höhenklima von Jerusalem in die schwüle Hitze Ägyptens. So machten die ägyptischen Christen jene Efahrung, für welche die Fellachen am Nil gar nicht erst christlich zu werden brauchten: In der Hitze Ägyptens ist Keuschheit unmöglich. Gelingt es aber einem Christen in Ägypten, gegen alle Gesetze der Meteorologie keusch zu leben, dann wird das von allen um ihn herum, die dazu nicht imstande sind, als Supertugend, vergleichbar dem Martyrium, wahrgenommen und alsbald jahrhundertelang verehrt.

 

So kam es leider auch zu jener Tragödie in Alexandrien, die den grössten aller antiken Theologen vom Sockel der Heiligkeit stürzte. Origenes! Seine Schriften über die Keuschheit waren so gefragt, dass ihm seine alexandrinischen Bewunderer*innen ein Kopierbüro mit sechs Kalligraphinnen – Schönschreiberinnen – finanzierten. Sie müssen sehr geschön gewesen sein, die Schönschreiberinnen des Origenes. Mitten im Diktat über die Keuschheit erlag er der Versuchung. Verzehrt von rasender Reue hat sich Origenes hernach  jenes Glied, ohne das er nicht gesündigt hätte, selber abgeschnitten.

 

Eine Tragodie und doch zugleich eine Verheissung für unsere Kirchen, die in einer rasant sich wandelnden Welt nach neuen Möglichkeiten suchen, um bei der Jugend erneut anzudocken. Die Generation Z galt ja bislang als ungewöhlich spröde, sexuellen Abenteuern bis über die zwanzig hinaus abgeneigt. Wie, wenn jetzt mit zunehmender Klimakatastrophe dieses kühlste aller Geschlechter zur Sünde des Fleisches entbrennt? Verschafft das nicht den Kirchen eine ganz neue Mission und uns allen einen ungeahnt neuen Heiligenkult?