Meine Pesönlichen Erfahrungen mit der neuen Enzyklika des neuen Papstes.
Vielleicht bin ich einer der wenigen Menschen, die ganze päpstliche Enzykliken gerne lesen. Das mag daran liegen, dass ich mich in ein winziges Bergdorf zurückgezogen habe. Es zählt weniger als fünfzig Einwohner, dafür aber (mindestens) doppelt soviele Füchse. Das sind Lebensbedingungen, in denen selbst eine neue Enzyklika eines neuen Papstes zur willkommenen Aufregung wird. Gleich mit dem Titel fängt sie diesmal an, die Aufregung. „magnifica humanitas“ heisst „grossartige Menschheit“. Was für ein amerikanischer Abgrund von Kitsch und Schwulst, von verlogenem Positive Thinking. Dabei beruft Leo sich gleich auf seinen Namensvorgänger, auf Leo XIII. Das ist der geistreiche kleine Italiener, der 1891 mit einem ganz anderen Titel die Welt zu verblüffen wusste: „Rerum novarum“ kommt von „res novae“. Und das heisst „Umsturz“, „Revolution“.
Wenn Männer an Revolution denken, stören Frauen meist. Mit ihrem Rollator war meine Frau unbemerkt von hinten an meinen Schreibtisch gerollt: „Du siehst ja nicht eimal, wie ich aussehe. Dringend brauche ich eine coiffeuse. Los, besorge mir eine. Aber eine, die ins Dorf kommt. Hier ins Haus!“
„Ce que femme veut, Dieu le veut – der Wille der Frau ist Gottes Wille.“ Stracks machte ich mich auf. Zwei Dörfer weiter in die Käserei. Wenn es hier nämlich einen Ort gibt, wo alle alle treffen, wo alle alles wissen, wo keine Frage ohne Antwort bleibt, dann ist das la fromagerie, die Käserei. „Gibt es“, fragte ich laut, „hier im Umkreis von dreissig Kilometern, eine Friseurin, die ins Haus kommt?“
Noch nie hat es das gegeben in der Käserei: Schweigen, nichts als tief betroffenes Schweigen. Und dann statt einer Antwort eine Frage: „Ich schneide meiner Frau die Haare selber, kannst du das nicht auch?“
Verstört kam ich zurück. Triumphierend wurde ich empfangen: „Weisst du, was ich getan habe, während du in der Käserei warst? Ich habe Gemini gefragt.“ Da musste ich gestehen, dass ich nicht weiss, wer Gemini ist. „Das ist meine Künstliche Lieblings-Intelligenz.“
Während die Käserei hilflos versagt hat, hat die Künstliche Intelligenz Wundersames geleistet: „Im Umkreis von 30 km um Ihre Wohnung, gibt es zwei Coiffeurinnen, die gern zu Ihnen ins Haus kommen werden.“ Ein Telephonanruf, mehr war Gr nicht mehr nötig.
Schon kam sie den Berg hinauf. Eine lustige Person mit einem lustigen Köfferlein voll von all den Instrumenten, die eine Künstlerin zum Werk der Schönheit braucht: Töpfchen, Tuben, Tüchlein, Scheren, Messer, Kämme. Als die talentierte Artistin nach einer Stunde, bedacht mit vielen Komplimenten, unsere bescheidene Berghütte wieder verliess, da wusste ich die Antwort auf die meisten Fragen, die sich der HeiligeVater in seiner Enzyklika zur Künstlichen Intelligenz stellt.
Auch der so hoch geschwollene KI-Hype wird ja wieder abschwellen wie alle vergleichbar geschwollenen elektronischen Hypes zuvor wieder abgeschwollen sind: die Hypes ums Fernsehen, ums Handy, ums Internet. Was wird bleiben? Ausser den beträchtlichen Schäden, die alle diese elektronischen Erfindungen leider anrichten, bleiben ein paar ganz praktische, ganz banale Vorteile für den Alltag einer Menschheit, die weiterhin vor allem aus Frauen bestehen wird. Wäre ich Papst, würde ich der „grossartigen Menschheit“ statt dieser schwülstigen Enzyklika kurzgefasst die frohe Botschaft verkünden: Künstliche Intelligenz ist auf jeden Fall besser als Käserei.